Der Taschenrechner-Tisch: Was kostet ein Krieg?
Jede Redaktion hat einen Grafik-Desk. Wir haben einen Taschenrechner — und die Regel, dass keine Zahl ohne Quelle in die Tabelle darf. Wo die Quelle fehlt, bleibt die Zelle leer.

Deutsche Nachrichtensendungen lieben große Zahlen mit seriösem Gesicht: das Sondervermögen, die Schuldenbremse, das Entlastungspaket. Man streitet monatelang, dann einigt man sich, dann erklärt eine Grafik in Blau und Rot, wer profitiert. Es ist ein Ritual — aber immerhin eines mit Belegen.
Dieser Tisch hier funktioniert genauso, nur für eine Region, in der die Zahlen selten ein Ritual bekommen. Ein Taschenrechner, drei Regeln, kein Studio.
Die Regeln des Tisches
- Keine Zahl ohne Quelle. Eine Zahl ohne Beleg ist keine Information, sondern Bühnenbild.
- Jede eigene Rechnung wird ausdrücklich als illustrative Überschlagsrechnung markiert — simple Division auf belegten Gesamtsummen, keine neue Statistik.
- Mit Menschen wird nicht gerechnet. Opferzahlen werden dokumentiert, nie dividiert.
Rechnung Nummer eins: ein Krieg zum Preis einer Volkswirtschaft
Zwei belegte Summen liegen auf dem Tisch. Erstens: der geschätzte direkte und indirekte Schaden des Iran-Kriegs 2026 — rund 270 Milliarden Dollar (Schätzung eines Briefings der House of Commons Library, des wissenschaftlichen Dienstes des britischen Unterhauses). Zweitens: die IWF-Schätzung des iranischen Bruttoinlandsprodukts 2026 — rund 300 Milliarden Dollar.
Der Taschenrechner braucht eine Sekunde: 270 geteilt durch 300 ergibt 0,9.
Anders gesagt, und das ist eine illustrative Überschlagsrechnung auf belegten Summen: Dieser Krieg hat ungefähr neun Zehntel dessen vernichtet, was die gesamte iranische Volkswirtschaft in einem Jahr erwirtschaftet. Der Krieg dauerte vom 28. Februar bis zum 5. Mai — etwa 67 Tage. Noch einmal illustrativ dividiert: knapp vier Milliarden Dollar pro Tag.
Zur Einordnung für deutsche Ohren, ebenfalls nur als Größenvergleich: Die Merz-Koalition hat am 2. Juli nach monatelangem Ringen ein Reformpaket mit rund zehn Milliarden Euro Steuerentlastung pro Jahr beschlossen — und das galt als historischer Durchbruch. Im Iran verschwand eine Summe dieser Größenordnung, grob gerechnet, alle zweieinhalb Kriegstage. Wer davon profitiert hat, steht in der Gewinner-Rechnung des Krieges.
Die Spalten, die leer bleiben
Das beliebteste Format dieses Genres kennen Sie: „Für den Preis einer Rakete könnte man X Schulen bauen." Ein wirkungsvoller Satz — nur haben wir weder einen belegten Raketenpreis noch einen belegten Schulpreis. Also bleibt diese Zelle leer, und wir zeigen Ihnen die leere Zelle mit einem gewissen Stolz. Eine leere Zelle ist Ehrlichkeit. Eine gefüllte Zelle ohne Quelle ist Propaganda im Mathematik-Kostüm.
Bei den menschlichen Verlusten dokumentieren wir nur, ohne zu rechnen: Verschiedene Quellen nennen für Iran eine Spanne von 3.468 bis über 6.000 Toten; Israel 69, USA 17, Saudi-Arabien 17 Zivilisten, VAE 13, Kuwait 11, Hisbollah 1.000 bis 2.500. Wir schreiben die Spannen so hin, wie sie sind — denn falsche Präzision ist die höflichste Form der Lüge.
Warum dieser Tisch existiert
Weil der wahre Preis politischer Entscheidungen nie auf der Pressekonferenz verkündet wird. Dort spricht man von Stärke, Abschreckung, strategischer Geduld. Der wahre Preis steht woanders: in der Brotpreis-Kurve seit dem Winter, im Verzeichnis der Vertriebenen, in der Visa-Lotterie, die Familien halbiert — und auf dem Küchentisch, auf dem der Rial schmilzt.
Dieser Tisch steht genau dazwischen: zwischen der Erklärung und dem Esstisch.
Das Kontobuch, Stand heute
Dieses Dossier ist die erste Seite eines Kontobuchs, das weitergeführt wird. Eröffnet sind bisher diese Spalten: der Brotpreis-Index, das Vertreibungs-Verzeichnis und die Lotterie der gewöhnlichen Leben. Kommt eine belegte Zahl, geht der Taschenrechner an. Kommt eine unbelegte, erklären wir öffentlich, warum sie draußen bleibt — auch das ist Berichterstattung. Vielleicht die ehrlichste.